Bd. 8: Carsten Wurm: Der frühe Aufbau-Verlag, 1945-1961. Konzepte und Kontroversen. 1996. 272 S., 12 Abb. (ISBN 3-447-03826-8). EUR 38,–; Vorzugspreis für Mitglieder des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens: EUR 20,–.

Nach den vielen publizistischen Debatten über die Funktion der DDR-Verlage im SED-Kulturbetrieb legt der frühere Archivar des Aufbau-Verlags die erste wissenschaftliche Untersuchung zu einem führenden belletristischen Unternehmen des Landes vor. Aufbauend auf dem einmalig reichhaltigen Verlagsarchiv sowie weiteren unveröffentlichten Quellen, beschreibt er den fortwährenden Widerstreit zwischen Autonomiebestrebungen der DDR-Verlage und ihrer Instrumentalisierung als Machtmittel der SED-Kulturpolitik. Beschrieben wird der ungewöhnliche Start des Aufbau-Verlags, der als erstes durch die SMAD lizenziertes belletristisches Unternehmen sofort eine dominierende programmatische und ökonomische Stellung weit über die sowjetische Besatzungszone hinaus errang und zu dem Verlag für die nach Deutschland heimkehrenden Exilanten wurde (u.a. Johannes R. Becher, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Ludwig Renn, Ernst Bloch, Arnold Zweig). Durch die rigide Kulturpolitik der SED Anfang der fünfziger Jahre fast zu einem Propagandainstitut verkommen, wurde der Verlag unter der selbstbewußten Leitung von Walter Janka, Max Schroeder und Wolfgang Harich wieder zu einem Unternehmen, das eigene Strategien verfolgte und Liberalisierung und nationale Einheit beförderte. Viele junge Autoren (u. a. Franz Fühmann, Uwe Johnson, Günter Kunert, Irmtraud Morgner) versuchten hier ihre ersten Bücher unterzubringen. Hinreichend bekannt ist inzwischen die politische Auseinandersetzung zwischen Ulbricht und der sogenannten Gruppe Harich 1956, nicht aber der von Wurm beschriebene Aufeinanderprall zweier gegensätzlicher Verlagsmodelle: Parteiunternehmen und weitgehende Selbstverwaltung nach der (geplanten) Abschaffung der staatlichen Zensur. Unbekannt sind bislang ebenso die Abrechnung mit der Linie Jankas im Verlag unter der Leitung von Klaus Gysi und der quälende Prozeß des Wiederanknüpfens an die errungenen ästhetischen und kulturpolitischen Positionen. Als Fallstudien werden zahlreiche Autor-Verleger-Beziehungen analysiert, die Einblicke in die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte wichtiger Werke der deutschen Nachkriegsliteratur vermitteln. Besonderes Gewicht erhält die Monographie durch erstmals veröffentlichte Materialien zur Wirtschaftsgeschichte des Aufbau-Verlags. Der Band ist durch ein Personenregister erschlossen.

I
nhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Neuformierung der Literatur. 1945–1949
2.1. Die Verlagsgründung
2.1.1. Im schwarzen Grund. Ein Bündnis auf Zeit
2.1.2. Kein Industrie-Kredit im üblichen Sinne. Die Stellung zur SMAD
2.2. Gute Beziehungen zu Lieferanten und Fabrikanten. Die materiellen Bedingungen
2.3. Die Versöhnung. 1945–1946
2.3.1. Kein Emigrantenverlag
2.3.2. Die Programmgestalter
2.3.3. Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, aber ohne den Glauben an die Zukunft zu zerstören
2.3.4. Die Klassiker als die besseren Deutschen
2.3.5. Liebe zur Sowjetunion und Parität der Besatzungsmächte
2.4. Die Polarisierung. 1947–1949
2.4.1. Frühe ideologische Beschränkung im Wissenschaftsprogramm
2.4.2. “Gesinnungsmäßig absolut zuverlässig”. Egon Erwin Kisch und der Fall Krickeberg
2.4.3. “...bis man es nervenmäßig einfach nicht mehr aushielt”. Die Ablösung der ersten Verlagsleitung
2.4.4. Der Kampf um die leeren Bücherschränke. Die Aurora-Bücherei
3. Die verwaltete Literatur. 1950–1954
3.1. Die Einführung der Planwirtschaft
3.2. Programmpolitik zwischen Anpassung und Eigenbestimmung
3.2.1. Kompendien des Wissens. Das populärwissenschaftliche Programm
3.2.2. Von der Sowjetunion lernen... Die ausländische Literatur
3.2.3. Edition als geschichtlicher Auftrag. Wolfgang Harich und die Klassiker
3.3. Die Förderung junger Autoren. 1950–1954
3.3.1. “Das neue Leben verlangt nach Gestaltung”
3.3.2. “Bis wann konkret sind bestimmte Manuskripte zu erwarten”. Preisausschreiben und eine Nachwuchskonferenz
3.3.3. “Dann kam der neue Kurs”. Bodo Uhse und das Nachwuchslektorat
3.4. Pyrrhussiege
3.4.1. Werksammlungen als Rückgrat des Programms
3.4.2. Vom Umgang mit alten Texten
3.4.3. Hysterie um ein Libretto. Hanns Eislers Johann Faustus
3.4.4. “Überhaupt macht der ‚neue Kurs‘ für unsereinen die Bühnen frei...” Arnold Zweigs Fragment Frage und Antwort
3.4.5. Die Jugend braucht Vorbilder. Ludwig Renns Erlebnisbericht Der spanische Krieg
3.4.6. “Es sind aber auch Menschen und auch Deutsche”. Der Grabenkrieg um Thomas Mann und Hermann Hesse
3.5. Der neue Mensch fängt beim neuen Leser an. Die Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller und die Deutsche Volksbibliothek
4. Die Reform. 1955–1956
4.1. Diplomatische Missionen und die Gründung einer Filiale in Hamburg
4.2. “Es gibt zuviel Feinheiten in der Welt” Eine Diskussion mit Georg Lukács
4.3. Saison für Literatur. Programmerneuerung im Zeichen der Demokratisierung
5. Die Restauration. 1957–1961
5.1. Thermidorstimmung
5.2. Abrechnung mit dem Vorgänger. Klaus Gysis neue Programmpolitik
5.3. Kampf gegen die Dekadenz mit LPG-Prosa
5.4. Edition als Refugium. Ausblick
6. Nachbemerkung
7. Anhang

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