Bd. 11: Cornelia Caroline Funke: “Im Verleger verkörpert sich das Gesicht seiner Zeit”. Unternehmensführung und Programmgestaltung im Gustav Kiepenheuer Verlag 1909 bis 1944. 1999. 256 S., m. 32 Abb. (ISBN 3-447-04167-6). EUR 38,–; Vorzugspreis für Mitglieder des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens: EUR 30,–.

Obwohl der Gustav Kiepenheuer Verlag, der 1999 sein 90jähriges Bestehen feiert, zweifellos zu den wichtigsten Buchhandelsunternehmen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört, fehlte bislang eine wissenschaftliche Analyse seiner Geschichte. Der vorliegende Band widmet sich auf der Grundlage einer umfassenden Auswertung zumeist unveröffentlichter Quellen aus dem Verlagsarchiv und den Nachlässen zahlreicher Verlagsmitarbeiter und -autoren insbesondere der Programmgestaltung und der Unternehmensführung bis zur zwangsweisen Schließung des Verlags im Jahr 1944.

1909 erwarb der damals 29jährige Sortimenter Gustav Kiepenheuer die Thelemannsche Hof- Buch- Kunst- und Musikalienhandlung in Weimar mit dem Ziel, sich “gleichsam vom Buchhändler zum Verleger emporzuzüchten”. Nachdem sich Kiepenheuer gemeinsam mit seiner ersten Frau Irmgard zunächst der Publikation klassischer Werke widmete und nach 1914 auch der Kriegsbegeisterung breiten Raum im Publikationsprogramm eingeräumt hatte, erhielt der Verlag ab 1917 mit der Herausgabe des Kunstblatts von Paul Westheim einen völlig neuen Akzent. Seit 1918 prägten dann zunehmend junge und politisch engagierte Autoren das Profil des inzwischen nach Potsdam (später nach Berlin) übergesiedelten Unternehmens. Kiepenheuer wurde der Verleger von Georg Kaiser, Ernst Toller, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Anna Seghers, Ernst Glaeser und Arnold Zweig. Mit eminentem Spürsinn für Persönlichkeiten gelang es Kiepenheuer zudem, namhafte Mitarbeiter fest an den Verlag zu binden - die Reihe seiner Lektoren reicht von Ludwig Rubiner über Hermann Kasack und Hermann Kesten bis zu Fritz Landshoff. Während der Biograph Samuel Fischers, Peter de Mendelssohn, konstatierte, daß ein “großes Verlagshaus möglicherweise seiner ganzen Natur nach” ein Unternehmen sei, das seine “individuelle Prägung” nur durch “Einzelpersönlichkeiten” erhalte, beruhten Größe und Renommee des Gustav Kiepenheuer Verlags insbesondere in der Weimarer Republik gerade auf einer “Partnerschaft gleichgewichtiger Kräfte und Geister”. Als nach 1933 die meisten seiner Mitarbeiter und Autoren emigrieren mußten und sich die erfolgreichsten Titel seiner Produktion auf den “Schwarzen Listen” der Nationalsozialisten fanden, versuchte Kiepenheuer, unterstützt durch seine Frau Noa, als Verleger zu überleben. Daß er hierfür nicht den hohen Preis der völligen politischen Anpassung zahlte, belegen neben den unpolitischen Publikationen des Verlags bis 1944 auch vereinzelte Zeugnisse eines “diskreten Widerstands”.

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